Geschichten vom Labkraut: Nordlichter

Ausgezeichnet mit dem
steirischen Renaturierungspreis 2024

„Sag mal, was ist das eigentlich mit diesen Nordlichtern, die jetzt alle fotografieren?“

Ich hielt Labkraut mein Smartphone vor die Nase. Das Bild darauf zeigte nicht viel: Rote Schwaden, die sich über dunklen Nachthimmel zogen.

Der Kobold sah erst das Bild und dann mich an, zog die Brauen hoch und schnaubte leise. „Wenn die Schleier zwischen den Welten dünner werden, fängt der Himmel an zu glimmen,“ erklärte er. „Die Nordlichter, wie ihr sie nennt, sind die Atemzüge der alten Mächte – der Wind, der über das Dach der Welt streicht. Und wenn sie sich bis hierher verirren, weit in den Süden, dann heißt das, dass sie neugierig sind. Oder unruhig.“

„Unruhig?“

„Mhm.“ Labkraut setzte sich auf den Zaunpfahl und ließ die Beine baumeln. „Manche sagen, sie kommen, wenn sich die Welt neu sortiert. Wenn alte Zauber wach werden und neue Geschichten anfangen wollen. Aber vielleicht,“ – er grinste breit – „wollen sie auch einfach nur zeigen, dass sie’s können. Wie Katzen, die nachts was runterschmeißen.“

Ich lachte. „Also kein Wunder, dass sie jetzt alle fotografieren.“

„Genau. Ihr spürt, dass da was Lebendiges im Himmel ist. Und selbst wenn ihr’s nicht versteht, wollt ihr’s festhalten. Weil ihr merkt, dass die Welt manchmal doch noch zaubert.“

Die Geschichten vom Labkraut erscheinen regelmäßig in der Kikeriki-Zeitung.

Inhalte zu Kräutern und deren Verwendung sind als Anregung gedacht und ersetzen keinesfalls einen Besuch beim Arzt. Verwende nur Kräuter, die du sicher bestimmen kannst. Für die Umsetzung der Rezepte übernimmst du selbst die Verantwortung.

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