Geschichten vom Labkraut: Von Eseln und Karotten

Ausgezeichnet mit dem
steirischen Renaturierungspreis 2024

„Hast du schon mal was unbedingt gewollt und alles dafür getan – und es trotzdem nicht bekommen?“, fragte ich Labkraut.

Der kleine Kobold überlegte nicht lange. „Ja, hab ich,“ gestand her. „Ich wollte unbedingt wieder einen Garten und eine Familie haben, aber es hat nie geklappt. Bis du gekommen bist.“ Er stupste mich leicht mit dem Finger in den Bauch und setzte schnell hinzu: „Aber bilde dir jetzt nur nix drauf ein! Wieso fragst du eigentlich?“

„Ich frag mich, warum man überhaupt irgendwas wollen soll, wenn es dann doch ganz anders kommt. Wenn das Wollen nicht funktioniert, warum sich dann überhaupt die Mühe machen?“

„Vielleicht ist das Wollen ja nur ein Zeichen dafür, dass etwas anders werden darf. Ein kleiner Schubser, der dich mal in Bewegung bringt, aber noch nicht die endgültige Richtung vorgibt,“ sinnierte der Kobold.

„Eine Karotte vor der Nase, die den Esel lockt und antreibt,“ grummelte ich. „Und immer genau so weit weg, dass sie unerreichbar bleibt.“

„Und wer hält dir die Karotte vor die Nase?“, fragte Labkraut.

„Ja, das wüsst‘ ich auch gerne,“ seufzte ich. „Genauso wie ich gern wüsste, wer da eigentlich will – und warum!“

Labkraut nickte langsam. „Vielleicht ist das ja auch egal und das Wollen selbst ist der Schlüssel. Es schiebt dich auf Wege, die du sonst nicht gegangen wärst – auch wenn du die Karotte nie bekommst.“

„Also macht es keinen Sinn, sich zu ärgern, wenn das Wollen nicht erfüllt wird?“ Ich blickte auf die Samentüte in meiner Hand. Karotten. Ich verdrehte die Augen.

Labkraut grinste jetzt von einem Ohr zum anderen. „Wenn du im Garten Karotten sähst, bekommst du Karotten – oder gar nix. Im Leben läuft’s anders. Da wachsen die tollsten Dinge aus dem, was du für Karottensamen gehalten hast. Lass dich überraschen!“

Die Geschichten vom Labkraut erscheinen regelmäßig in der Kikeriki-Zeitung.

Inhalte zu Kräutern und deren Verwendung sind als Anregung gedacht und ersetzen keinesfalls einen Besuch beim Arzt. Verwende nur Kräuter, die du sicher bestimmen kannst. Für die Umsetzung der Rezepte übernimmst du selbst die Verantwortung.

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