Geschichten vom Labkraut: Anders fragen

Ausgezeichnet mit dem
steirischen Renaturierungspreis 2024

„Sag mal,“ fragte ich Labkraut, „was ist denn das für ein hübscher Käfer?“

Auf einem Himbeerblatt saß er, geformt wie ein Schild, purpurrot und mit einem leuchtend gelben Dreieck am Rücken. Er sah aus wie ein kleines Schmuckstück.

„Das ist eine Beerenwanze,“ erklärte Labkraut.

„Beerenwanze? Oh nein! Das ist doch ein Schädling, oder?“, erwiderte ich entsetzt.

„Du stellst schon wieder die komplett falschen Fragen,“ seufzte Labkraut. „Fragst du immer, wenn du jemanden kennenlernst, was er oder sie dir Böses will?“

Da war er wieder, dieser Erwischt-Moment, den ich so oft hatte, wenn ich mit Labkraut sprach. Man wurde ja tatsächlich darauf trainiert, in jedem Tier im Garten sofort eine Bedrohung zu sehen.

„Na gut, dann lass es mich anders formulieren,“ begann ich erneut. „Welchen Beitrag leistet dieses hübsche Tierchen in meinem Garten?“

„Ah, ja, das ist viel besser,“ lobte Labkraut. „Die Beerenwanze sorgt dafür, dass sich dominante Pflanzenarten nicht zu stark ausbreiten. Und sie ist Teil der Nahrungskette und wird von anderen Tieren gefressen,“ erklärte der Kobold.

„Wenn sie nicht da wäre, würde etwas fehlen im natürlichen Kreislauf?“

Labkraut nickte. „Manchmal hilft es, den Blickwinkel zu verändern,“ erklärte er. „Es kann nicht immer alles wachsen. So, wie du nicht nur einatmen kannst.“

Ich betrachtete noch einmal den kleinen Käfer. Eine Beerenwanze. Ein kleiner Mitgärtner. Und so ein hübscher noch dazu!

Die Geschichten vom Labkraut erscheinen regelmäßig in der Kikeriki-Zeitung.

Inhalte zu Kräutern und deren Verwendung sind als Anregung gedacht und ersetzen keinesfalls einen Besuch beim Arzt. Verwende nur Kräuter, die du sicher bestimmen kannst. Für die Umsetzung der Rezepte übernimmst du selbst die Verantwortung.

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