Jedes Jahr kurz vor Ostern wird der Drang übermächtig. Dieser Flausch, dieser silbrige Glanz und die Kindheitserinnerungen an Osterstrauch und Palmbuschen, die daran hängen … Mein gesamtes System schreit: Ich will Palmkätzchen! Aber Palmkätzchen schneiden ist böse, haben wir gelernt: Bienenfutter! Unbedingt stehenlassen! Ein Dilemma.
Wilde Palmkätzchen schneiden ist ein No-Go. Punkt.
Man findet palmkätzchentragende Weiden oft an Flussufern und Waldrändern. Sie lieben feuchte, aber sonnige Landschaften. Leider verschwinden die immer mehr: Ufer werden befestigt und am Waldrand gibts immer weniger Bewuchs, der den Übergang von Baum zu Wiese besiedelt. Doch man findet sie noch, die wunderschönen Palmkätzchen. Und ein paar Zweige wird man sich da wohl mitnehmen dürfen? Das fällt doch gar nicht auf!
Das Problem: Wenn’s jeder macht, war’s das mit dem Bienenfutter. Wilde Palmkätzchen schneiden ist ein No-Go. Und im Garten? Als Naturgärtner wollen wir einen Lebensraum schaffen und nicht der Natur etwas wegnehmen, was sowieso schon immer knapper wird.
Aber was ist mit meiner Palmkätzchen-Lust?! Es muss doch einen Weg geben, es beiden recht zu machen: der Natur und dem Menschen.
Unsere Lösung: Palmkätzchen schneiden als Pflicht
Eine sehr alte Art, Weiden zu kultivieren, ist sie als Kopfweiden zu ziehen. Kopfweiden sind keine eigene Art oder Sorte, sondern eine Schnittform. Früher fand man sie überall. Sie wurden gezogen, um lange, biegsame Weidenruten für Körbe oder Zäune zu gewinnen.
Kopfweiden MÜSSEN geschnitten werden. Erst dadurch entwickelt sich die charakteristische Krone und mit den Jahren entsteht ein stabiler, knorriger Baum, der sehr alt werden kann. Zeit seines Lebens braucht dieser Baum jedoch Pflege, sonst vergreist er und wird instabil. Wie bei einer Magerwiese: Ohne Schnitt und Abräumen fehlt bald die Blütenfülle.

Heute sind Kopfweiden selten geworden und das ist schade, denn alte Kopfweiden sind zwar menschengemacht, aber unglaublich wertvoll: Sie sind ein Biotop für Vögel und Fledermäuse, Insekten und sogar kleine Säugetiere wie Siebenschläfer.
An die Scheren, fertig, los!
Unsere Kopfweide ist noch fast ein Baby, erst ein paar Jahre alt. Jedes Frühjahr bekommt sie ihren Pflegeschnitt, und zwar genau dann, wenn die Palmkätzchen am flauschigsten und kurz vor dem Aufblühen sind. Dann bleiben von der Krone mit den langen, silberbetupften Ruten nur kurze Stummel übrig. Ja, das ist ein trauriger Anblick, doch schon bald entstehen neue Triebe und bis zum Herbst bildet der Baum einen enormen Zuwachs.


Und das Schnittgut? Das ist unsere Ernte! Wir haben bewusst eine Weidenart gewählt, die wunderschöne große Kätzchen an langen, geraden Trieben ausbildet. Damit ist nicht nur unser Osterstrauch gesichert, auch Nachbarn, Freunde und Bekannte freuen sich über nachhaltig geerntete Palmkätzchen zum Dekorieren und Basteln.
Und was ist mit dem Bienenfutter?
Garten verpflichtet, und uns ist klar, dass wir einen ganzen Baum voll Futter abräumen, wenn wir unsere Palmkätzchen schneiden. Deshalb haben wir an anderer Stelle im Garten Weiden angesiedelt, die wir komplett in Ruhe lassen. Damit ist allen geholfen: Die Bienen und Insekten haben ihr Buffet und wir haben unsere Palmkätzchen und ein gutes Gewissen – im Tausch für etwas Arbeit an einem Baum, der vielleicht in einigen Jahrzehnten zu genau so einer ehrwürdigen alten Kopfweide geworden ist, die es heute schon viel zu selten gibt.
Wer also immer noch denkt, Kopfweiden sind eine „besondere Sorte“ und auf gar keinen Fall darf man Palmkätzchen schneiden: bitte einmal das Brett vorm Kopf ablegen. Willkommen in der Garten(R)evolution! Für uns bedeutet das: Garten neu denken. Mit dem Wissen von gestern, den Bedürfnissen von heute und dem Blick auf das, was auch morgen noch sinnvoll ist.





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