Nach einem langen Waldspaziergang fühlen wir uns anders: die Seele frisch ausgelüftet, der Körper entspannt und angeregt zugleich und der Kopf zeigt uns Bilder von Ursprünglichkeit und Wildheit. Waldbaden nennt man das heute. Raus in die Wildnis! Nur: Wild ist unser Wald schon lange nicht mehr.
Heutige Wälder sind Kulturflächen und nur scheinbar wild
Da gibt’s Wege, breit und frei von Bewuchs, maschinell angelegt und traktortauglich. Bäume stehen oft in Reih und Glied, alle ungefähr im gleichen Alter. Sauber und aufgeräumt ist es hier. Höchstens erschreckt uns mal ein Reh, das irgendwo aufspringt und davonläuft.
Richtig gefährlich wird es nur, wenn wir Holzarbeitern in die Quere kommen – aber diese Gefahr ist kontrollierbar, denn hier fallen die Bäume nach Plan. Waldbaden heute ist wie Schwimmen in einem Pool: angenehm, sicher und relativ berechenbar.
Der Wald früher: wild und furchteinflössend
Und doch bleibt der Wald für uns ein Ort voller Mysterien. Wir erinnern uns an die Märchenwälder unserer Kindheit, in denen man seltsamen Wesen oder wilden Tieren begegnen konnte. In dem man sich fürchtete, wenn es dunkel wurde, und auch bei Tageslicht immer auf der Hut war. Der Wald war nichts, in das man sich freiwillig oder zum Spaß begab. Er hatte eigene Gesetze und der Mensch war nicht dafür zuständig, sie zu machen, sondern sie zu befolgen.

Ein Urwald, wie es ihn damals gab, ist mit einem Wirtschaftswald, wie wir ihn heute kennen, nicht vergleichbar. In einem Urwald herrscht ein ständiger Kreislauf von Wachsen und Vergehen. Alte, knorrige Bäume bilden ein dichtes Dach, und wenn sie alt und müde werden, legen sie sich hin und machen Platz für die nächste Generation, die schon auf ihren Auftritt wartet und sich dem Licht entgegenstreckt. Wildschweine graben den Boden um, schaffen offene Erde, in der neue Keimlinge aufgehen. Äste fallen herunter, wenn der Sturm sie pflückt – bei Wind in den Wald gehen? Lieber nicht.
Hohlwege, Kreuzungen und Geheimnisse
Durch dieses wilde Geflecht von Bäumen, Kräutern, Totholz und Moos schlängelten sich Wege. Schmale, oft kaum sichtbare Pfade, geformt von menschlichen und tierischen Schritten über Jahrhunderte. Sie sind immer noch da, die alten Hohlwege, tief eingegraben in den Boden, geformt von vielen Wanderern. Wege entstehen beim Gehen, sagt man auch heute noch.
Über solche Wälder erzählen die Menschen sich Geschichten. An manchen Kreuzungen könnte der Wilde Mann oder gar der Teufel selbst warten, das Kleine Volk seine Scherze treiben oder auch seine Hilfe anbieten. Wer sich in diesen Wald wagt, muss lernen, seine Regeln zu verstehen und zu befolgen.

Hag und Hagazussa: Zwischen Zivilisation und Wildnis
Der Hag, eine dichte Hecke, begrenzte damals die Zivilisation. Er umgab den Hof, die Heimstatt. Jenseits der Hecke begann die Wildnis. Und die, die sich da hineinwagten, die mit einem Bein in der Zivilisation und mit dem anderen in der geheimnisvollen Welt des Waldes wandelte, nannte man Hagazussa – die Zaunreiterin. Sie kannte die Heilpflanzen, die Wesen und die Mythen des Waldes. Sie war gefürchtet und bewundert zugleich. Aus der Hagazussa wurde später – die Hexe.
Waldbaden heute: Erinnerung an den Urwald
Einst war der Wald Nahrungs- und Heilquelle, Lebensraum und Lehrmeister zugleich. Viele wertvolle Pflanzen wuchsen nur hier, viele Gefahren – weltliche und außerweltliche – lauerten im Dickicht. Heute gehen wir in den Wald, ohne viel darüber nachzudenken. Wir gehen Waldbaden, atmen die frische Luft, sammeln vielleicht ein paar Pilze. Wir tun es zur Erholung, nicht zum Überleben.

Wir können uns nur erinnern. Uns vorstellen, wie der Wald roch, wie er klang, wie er lebte. Wie er lehrte, herausforderte, aber auch schützte. Auch wenn wir heute auf sicheren Pfaden wandern und eher einem Mountainbiker begegnen als dem Teufel, bleibt ein Stück dieser Wildheit spürbar in den Hohlwegen, in den Kreuzungen und in der Stille zwischen den Bäumen. Wenn du die Augen schließt, kannst du vielleicht das Kleine Volk noch lachen hören. Und wer weiß, vielleicht kehrt der wilde Wald eines Tages zurück.







Schreibe einen Kommentar