Der Garten der Großeltern – mit den Ribiselsträuchern und den sauber ummauerten Blumenbeeten, auf denen es im Sommer so schön warm war. Viel Rasen zum Schneemannbauen oder Fangen spielen. Äpfel pflücken oder stundenlang im Kirschbaum sitzen. Vielleicht sogar ein Hühnerhäuschen. Und ein Gemüsegarten, in dem alles sauber in Reih und Glied stand. Erbsen naschen war streng verboten! Die brauchte Oma für die Suppe. Dabei waren sie doch frisch aus der Schale so süß!
Omas Garten als Sehnsuchtsort
Ich bin ein Kind der 80er und die Gärten meiner Eltern und Großeltern, an die ich viele schöne Erinnerungen knüpfe, entstanden teilweise schon in den 1960er-Jahren. Die Menschen lebten damals in einer Zeit, in der man zwar wieder bauen konnte, sich etwas aufbauen konnte, aber gleichzeitig eine ständige Angst im Hinterkopf mitlief: Wenn jemand auf den Knopf drückt, fliegen die Bomben über unsere Köpfe.
So ein Gefühl prägt das Denken: Wenn die Welt unsicher ist, muss ich wenigstens dort, wo ich kann, Sicherheit finden. Und Sicherheit versuchte man mit Ordnung herzustellen.
So wurde der Garten für meine Eltern und Großeltern zur kleinen Festung: Ein Stück Land, das man in klare Beete einteilte, mit Rasen, der wie ein Teppich wirkte, und dichten Hecken oder Zäunen, die alles „Ungeordnete“ draußen halten sollten. Der Garten schien zu versprechen: Wenn ich hier etwas kontrollieren kann, dann bin ich nicht völlig ausgeliefert.
Der Garten als Festung
Wenn die Welt unsicher ist, sucht der Mensch nach Orten, die sich sicher anfühlen. Ein gepflegter Rasen und übersichtlich angeordnete, selbstverständlich unkrautfreie Beete waren nicht nur eine Geschmacksfrage, sondern eine Haltung, die sagt: Ich lasse nicht zu, dass etwas außer Kontrolle gerät. Hier ist alles in Ordnung. Hier wächst nichts, was nicht gewollt ist.

Diese Idee ist noch immer da. Selbst wenn die Menschen mittlerweile weniger chemisch spritzen oder mehr heimische Pflanzen setzen, ist die Grundstruktur in den meisten Gärten dieselbe: Rasen als Standard, sauber abgegrenzte Beete als „gestaltete“ Bereiche, alles ordentlich voneinander getrennt und schön übersichtlich gehalten.
Die Gartenmythen der 1960er – und was sie heute bedeuten
Wenn man heute einen Naturgarten anlegen möchte, stößt man früher oder später auf die althergebrachten Vorstellungen, wie man zu gärtnern hat. Und man merkt: bei vielen davon geht es nicht um „Natur“, sondern um Kontrolle. Auch wenn viele schon Richtung Naturgarten gehen, wirken wilde Gärten und ihre Besitzer in vielen Siedlungen immer noch wie die Sonderlinge. Wer eine wilde Ecke im Garten zulässt, wird oft schief angeschaut – als würde er etwas „nicht richtig machen“.
Regel 1: Nur ein ordentlicher Garten ist ein guter Garten
„Richtig gärtnern“ bedeutete in erster Linie, dass ein guter Garten ordentlich und aufgeräumt zu sein hat. Wenn das Gemüse in Reih und Glied wächst, ist das der sichtbare Beweis, dass man die Dinge im Griff hat. In einer Zeit, in der man nicht wusste, ob die nächste Krise kommen würde, war das ein wichtiges Bedürfnis. Es war eine Art psychologischer Schutz: Wenn alles ordentlich aussieht, dann kann nichts Schlimmes passieren.
Als Naturgärtner wissen wir, dass ein „aufgeräumter“ Garten oft nicht lebendig ist. Ordentlich bedeutet dann eher: steril. Aber trotzdem halten viele Menschen an diesem Mythos fest, weil Ordnung so tief mit Sicherheit verknüpft ist. Es fällt schwer, das loszulassen. Einen Naturgarten anlegen heißt nämlich nicht, dass man aufgibt und das Chaos ausbrechen lässt – sondern dass man Kontrolle neu definiert: nicht als Dominanz, sondern als Pflege.

Regel 2: Nur ein toter Käfer ist ein guter Käfer
Ein weiterer Mythos ist der, dass Schädlinge etwas sind, das man bekämpfen muss. In den 1960ern war Chemie ein Symbol für Fortschritt. Kunstdünger wurde säckeweise im Garten verteilt, jeder Käfer, der die Pflanzen bedrohte, wurde beseitigt und der Rasen wurde von jedem Blümlein befreit – man glaubte, dass man die Natur verbessern kann, indem man sie „sauber hält“.
Im Naturgarten sind Schädlinge selten das Problem. Oft sind sie nur das Symptom eines aus dem Gleichgewicht geratenen Systems. Trotzdem fällt es oft schwer, diese alte Haltung loszulassen, weil sie so lange als „richtig“ galt. Wer heute einen Naturgarten anlegen will, muss sich oft erst daran gewöhnen, dass darin auch Blattläuse, Wühlmäuse oder Raupen auftauchen (dürfen).
Regel 3: Was wir nicht gepflanzt haben, ist Unkraut
Das Unkraut – der Mythos, dass alles, was ungeplant wächst, schlecht ist. Unkraut war in den 1960ern ein Zeichen dafür, dass man nicht aufpasst, dass man versagt. Schlampig, unordentlich, ungepflegt – das geht gar nicht.
Im Naturgarten gibt’s kein Unkraut. Es gibt Pionierpflanzen, Bodenretter, Nahrungsquelle für Insekten und auch für uns Menschen. Nicht alles, was von selber wächst, ist schlecht – ganz im Gegenteil! Man kann lernen, Unkraut zu verstehen, statt es zu bekämpfen.

Zeit für neue Regeln
Wenn man einen Naturgarten anlegen will, bedeutet das nicht, dass man alles „schlecht“ macht, was früher richtig war. Es bedeutet, dass man erkennt, dass die Bedürfnisse sich verändert haben. Und dass ein Garten, der heute widerstandsfähig sein soll, nicht durch Kontrolle, sondern durch Vielfalt, Kreislauf und Wildnis entsteht.
Der Garten reift zur Wildnis
Der Garten war einmal eine Festung – heute ist er zum Lebensraum geworden. Wenn wir einen Garten haben, dann sind wir Teil von etwas Größerem. Ein Garten ist kein Kunstwerk, das man ausstellt. Er ist ein Kreislauf. Ein Ort, an dem Dinge wachsen, sterben, vergehen und wieder neu entstehen. Ein Ort, an dem man nicht alles plant, sondern manches zulässt.
Morgen könnte der Garten zum Überlebensraum werden, zu einem Ort der Resilienz. Resilienz ist ein großes Wort, das man oft hört, wenn es um Krisen geht. Aber im Garten ist es ganz einfach: Ein resilienter Garten ist ein Garten, der überlebt, wenn es trocken wird, wenn es schneit, wenn ein Schädling kommt oder wenn das Wetter verrückt spielt. So ein Garten ist selten perfekt, aber stabil.
Ein Naturgarten hat eine andere Art von Ordnung. Nicht die, in der alles schön einfach strukturiert und übersichtlich ist, sondern eine, in der alles seinen Platz hat. Auch die Unordnung und das Chaos.

Laub ist kein „Dreck“, sondern ein Schutz für Boden und Leben. Totholz ist kein „Rest“, sondern ein Zuhause für Kleintiere, Insekten und Pilze. Unkraut ist kein Feind, sondern ein Pionier, der den Boden aufbereitet. Ein wildes Eck ist keine Faulheit, sondern ein Zeichen von Leben.
Einen Naturgarten anlegen heißt nicht, dass man alles sich selbst überlässt. Es heißt, dass man anders eingreift. Statt zu „bekämpfen“, pflegt man. Statt zu „ordnen“, gestaltet man. Statt „auszumerzen“, lernt man. Und wenn du heute eine wilde Ecke in deinem Garten zulässt, dann tust du mehr, als nur Pflanzen wachsen zu lassen: Du wirst Teil einer leisen (R)Evolution.


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